Red Bull 400 2015: 400m gen Himmel laufen

Red Bull 400 – die härtesten 400m der Welt“ – der Veranstaltungsslogan dieser etwas anderen Laufveranstaltung lässt Schlimmes erahnen. Als ich vergangenen Samstag aus dem Auto ausstieg und einen Blick in Richtung Paul-Ausserleitner-Schanze in Bischofshofen wagte, dachte ich mir nur: „What the F… I’m doing here!“ Diese grüne Wand mit dem großen weißen „B“ lachte mir schelmisch entgegen und schien mir vermitteln zu wollen – du bezwingst mich nicht.

Sie galt es zu bezwingen - die Bischofshofener Sprungschanze
Sie galt es zu bezwingen – die Bischofshofener Sprungschanze

Eigentlich ist dieses „Sportgerät“ ja für andere Zwecke gedacht. Jeden Winter versuchen Skispringer so schnell und weit wie möglich von oben nach unten zu kommen. Doch RedBull 400 stellt alles auf den Kopf. Es geht bei diesem Wettkampf darum, so schnell wie möglich von unten – dem Sprungauslauf – hinauf zum Absprung zu kommen. Konkret bedeutet das: 400m Streckenlänge, 150m Höhenmeter und an der steilsten Stelle 79% Steigung.

Ich habe ja schon einige Laufabenteuer hinter mir… Red Bull 400 war auf jeden Falle eine neue Erfahrung. Da ich in den vergangenen Monaten nur wenige Laufkilometer absolvieren konnte, erschien mir zumindest die Distanz  gelegen. Höhenmeter hatte ich bei meinen zahlreichen Sommerwanderungen und vereinzelten Trailläufen auch gesammelt… aber: ob das für diese intensive Kurzbelastung reichen würde?

Internationale Berg- und AusdauerathletInnen hatten im Vorfeld ihr Kommen angekündigt… das ließ noch deutlicher die Frage hochkommen: „was mach ich denn hier?“ Als wir am frühen Vormittag auf das Veranstaltungsgelände am Fuße der Sprungschanze kamen, entspannte ich mich ein wenig. Das Teilnehmerfeld – gut erkennbar durch die verpflichtend zu tragenden gold-braunen Shirts – zeigte sich absolut bunt gemischt… von groß bis klein, fest gebaut bis sehr schlank, extrem muskulös bis „schon länger nix mehr gemacht“. Ich entspannte mich ein wenig… Es waren also nicht nur verrückte Profis am Werk.

Punkt 11 Uhr ging es dann mit den Männervorläufen los. Etwa 75 Teilnehmer pro Lauf durften zum ersten Mal Laktat schaufeln. Insgesamt 9 Vorläufe gab es… wer direkt ins Finale wollte, musste als Vorlaufs-Erster oben ankommen. Alle anderen konnten sich über ihre Zeit fürs A, B oder C Finale qualifizieren. Dementsprechend ging es in manchen Läufen richtig heiß her… und so mancher Athlet brauchte sehr lange, um sich nach der Ankunft am höchsten Punkt wieder unter den Lebenden zu fühlen.

Red Bull 400
Die ersten 100m sind ja noch ein Kinderspiel – aber Vorsicht! Hier konnte man sich ordentlich verzocken….
Red Bull 400 2015
Der erste lange Anstieg… der kann ganz schön lang werden…
Red Bull 400 2015
Und die letzten 20m können dich killen!
Red Bull 400 2015
Auch große Buben leiden…
Red Bull 400 2015
und müssen manchmal aufgeben
Red Bull 400 2015
das „Schlachtfeld“ im Zielbereich

Anschließend folgten die Männer- und Mixed Staffeln. Jedes Mitglied musste 100m zurücklegen und dann das Staffelholz übergeben. Mit dabei waren auch zwei ÖSV Skispringer Teams – bestückt mit keinen geringeren wie Gregor Schlierenzauer, Stefan kraft, Andreas Kofler und Thomas Diethart. „Am Schluss haben die Füße nicht mehr das gemacht, was ich wollte. Geile Sache, richtig zach! Vollsten Respekt an alle, die hier die ganzen 400 Meter laufen“, meinte Stefan Kraft nach seinem Rennen. Wie schön zu wissen, dass diese Kerle auch „nur“ Menschen sind. 🙂

Red Bull 400 2015
Zuerst lächelten sie noch… die ÖSV Adler
Red Bull 400 2015
… aber auch sie litten…

FRAUENPOWER

Im Gegensatz zu den Männern gab es bei den Frauen nur einen einzigen Lauf – der auch gleichzeitig als Finale betitelt wurde. Etwas über 80 Damen hatten genannt – rund 60 stellten sich tatsächlich der Herausforderung. Kurz vor 15 Uhr waren die hochsommerlichen Temperaturen auf über 30 Grad gestiegen. Und in mir kochte es zusätzlich… einerseits freute ich mich auf diesen „süßen Schmerz“ – andererseits war da dieser Respekt vor diesem „Hügel“. Während der Männer-Vorläufe hatte sich die Angst es nicht zu schaffen, gelegt. Fast alle waren oben angekommen… nur ganz wenige hatten auf den ersten Metern zu sehr den Turbo gezündet und mussten im oberen Viertel einfach aufgeben, weil sie keinen Schritt mehr setzen konnten.

Daher lautete meine Taktik – ganz ruhig angehen und auf der Schanze nochmals alles geben. Ich hatte auch beobachtet, dass es entscheidend war, die Seile auf dem Backen genau zu erwischen, um an den Plastikfranzen der Matte nicht abzurutschen. Zudem – rasch auf alle viere kommen und sich über die steilste Stelle mit einer hohen Frequenz hocharbeiten. Dazu hatte ich mir Radhandschuhe angezogen… zum Schutz und gleichzeitig für einen besseren Halt.

Im Startbereich traf ich dann auch einige bekannte Gesichter – darunter Veronika Windisch, die Short Track Läuferin, Marlies Penker und Anita Waiß. Alle waren wir gleich nervös. Noch kurzer Small Talk und schon ging es los. Die Vorjahressiegerin Andrea Mayr war nicht erschienen.

Gott sei Dank noch ein bisschen Power auf den letzten Metern
Gott sei Dank noch ein bisschen Power auf den letzten Metern

Ich hatte mir bewusst die linke Seite ausgesucht, da diese mehrheitlich im Schatten lag. Eher am Ende des Feldes kam ich zum Anstieg. Rasch fand ich in den „Kletterrhythmus“ und handelte mich Position für Position nach vorne. Von der gefürchteten Steigung bekam ich nichts mit… mein Blick haftete fest am Boden und auf den Seilen. Fast zu schnell fand ich mich auf dem höchsten Punkt des Bankens und rannte mit zügigen Schritten die provisorisch aufgebaute Rampe hinauf zum Schanzentisch. Kurz fand ich in einen Art Laufschritt, doch schon nach wenigen Metern wurde es unmöglich zu laufen.. ok – dann eben große Schritte, die Hände auf die Oberschenkel gestützt. Neben der Keramikspur versuchte ich mein Tempo hoch zu marschieren. Und diese verdammte Schanze wurde immer steiler und steiler. Da war er, dieser Punkt, an dem die Beine anfangen schwer und langsam zu werden. „Sweet pain – hello!“

Videocredit: Christina von Querdenken

Die Zielrampe kam erfreulicherweise rascher näher, als gedacht… noch 4 große, schmerzhafte Schritte die Holzrampe hinauf… GESCHAFFT!

Die Lungenflügel brannten, die Beine zitterten. I did it! Ich bog gleich zum linken Abgang ab, denn andere Ankommende fielen kopfüber in die Matte, die hinter der Ziellinie aufgelegt worden war. Sie bewegten sich nicht mehr. Gott sei Dank ging es mir soweit gut. Zwei Becher Wasser später und ich fühlte mich wieder fit. Hatte ich mich zu wenig angestrengt? Keine Ahnung… ich weiß nur, dass ich gut 7 Minuten für die Strecke gebraucht hatte. Ich war zufrieden… ich bin sehr zufrieden!

Der Ausblick hinunter in den Auslaufbereich war gewaltig. Die im Startbereich wartenden Feuerwehr-Staffelteilnehmer sahen wie kleine Play Mobil Figuren aus. Ich hatte keine Lust wieder hinunter zu wandern. Ich genoss den Blick und setzte mich auf die Stufen kurz vor der Ziellinie. Begeistert sah ich mir die Feuerwehrstaffeln und das große Männerfinale an. Ein wirklich großartiges Spektakel… denn die Feuerwehrleute gaben alles. Obwohl jeder nur 100m laufen musste, so kamen viele auf den letzten Metern ins Straucheln. Tja, diese Distanz kann bei maximalen Speed verdammt zäh werden. Die schnellsten Teams legten die Distanz in 2:14 Minuten zurück – verrückt!!!

Red Bull 400
Feuerwehren los
Red Bull 400 2015
… und hoffentlich nicht Ofen aus 🙂

 

Das Herrenfinale entschied der Red Bull 400 Seriensieger Ahmet Arslan aus der Türkei für sich. Gerade einmal drei Minuten und 17 Sekunden brauchte er für seinen Sturm! Die Damensiegerin, Katarina Lovrantova aus der Slowakei stand mit ihren 4:32 den Herren um nichts nach… außerdem gewann sie das Rennen auf den letzten 20m! Respekt!

Red Bull 400 2015
So schnell kann sich auf den letzten Metern das Blatt wenden…
Red Bull 400 2015
… und du bis einige Meter hinten und wirst auf Platz 2 verwiesen.

Alle Ergebnisse von den einzelnen RedBull 400 Bewerben kannst du HIER nachlesen.

EINIGES FÜR DIE SPORTLERINNEN

Nach dem sportlichen Trubel fiel ich hungrig ins Athletenzelt ein. Dort kredenzten bereits den ganzen Tag über freiwillige Helfer den Teilnehmern kostenlos Speisen (Kaiserschmarren, aufgeschnittenes Obst, Gebäck, Thunfisch-Gerichte) und alkoholfreie Getränke.

Für die Startgebühr von € 59,– für Einzelstarter und € 199,– für 4er Teams wurde somit einiges geboten. Zudem erhielt jeder eine RedBull 400 Uhr, ein Handtuch und ein Funktions-Shirt. Eigentlich bin ich ja alles andere als eine Finisher Medaillen Sammlerin, doch bei diesem Event hätte ich mich über dieses Erinnerungsgeschenk sehr gefreut. Weil es eben etwas anderes ist… der Red Bull 400er…

2016 übersiedelt die österreichische Auflage wieder an die Geburtsstätte des RedBull 400ers – auf den Kulm. Da die Skiflugschanze derzeit für die Skiflugweltmeisterschaften umgebaut wird, wurde der Event ausnahmsweise nach Bischofshofen verlegt.

Wer es nicht nach Österreich schafft, hat an sechs weiteren Sprungschanzen die Möglichkeit die Schenkel zum Brennen zu bringen: Kuopio (FIN), Whistler Mountain (CAN), Titisee-Neustadt (GER), Harrachov (CZE), Planica (SLO) und Park City (USA).

Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Red Bull 400er nicht mein letzter war… es machte unglaublichen Spaß. Die Stimmung war ausgesprochen gelassen, fröhlich und unter den TeilnehmerInnen sehr herzlich. Genau so wie ich es mag. Ich kann es nur jedem empfehlen 🙂

FOTOCREDIT: Horst von Bohlen

3 comments on “Red Bull 400 2015: 400m gen Himmel laufen

    1. Ach Henrik, das würdest du locker schaffen… Zähne zusammenbeißen und durch! 🙂
      Nachwirkungen? Nein, überhaupt nicht… außer, dass ich mich schon aufs nächste Mal freue!
      Cheers

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