Col di Lana: bewegende Geschichte in den Südtiroler Dolomiten

Alta Badia Col di Lana
Traumhafter Ausblick in Richtung Norden

„Geht den Col di Lana. Der ist etwas Besonderes,“ riet uns unser Hüttenwirt im Rifugio Pralongiá, hoch über Alta Badia. Der Col di Lana mit seinem 2.452m hohen Gipfel – eingebettet zwischen den schroffen Dolomitenmassive – lachte uns bereits in den letzten Tagen immer wieder entgegen. Da der Wettergott nach zwei Regentagen genug hatte, nutzten wir den heutigen Tag, um seine Einladung anzunehmen. Da meine Beine von den Laufkilometern und Höhenmetern der letzten Tage genug hatten, entschieden wir uns für eine ausgedehnte Wandertour. Grundlagentraining – sozusagen 🙂

Wir starten bei unserer Unterkunft, der Pralongiá, auf 2.154m Seehöhe los und folgen dem Wanderweg Nr. 24 Richtung Osten. Beim Anstieg zum Mt. Setsas zweigt Nr. 24 in Richtung Norden ab, wir nehmen Nr. 23. Dieser führt südlich des Setsas entlang. Mit jedem Schritt kommen wir dem wie ein Vulkankegel wirkende Berg entgegen. An seinem Fuß liegen saftige, grüne Wiesen, darüber thront der Gipfel – schroff und dunkel gefärbt.

Auf Höhe des Setsas Gipfels zeigt der Wegweiser südwestlich in Richtung Col di Lana bzw. dem davor gelagerten Cima Sief – unser Ziel liegt zum greifen nah. Es geht auf dem Weg Nr. 21 weiter, der direkt am Bergkamm hinaufführt. Bereits von weitem fielen uns tiefe Furchen entlang des Weges zum Gipfel des Cima Sief auf. Wir dachten der Regen hat seine Spuren in Form von tiefen Rinnen hinterlassen.

Cima Sief
Auf geschichtlichen Pfaden

Geschichtsunterricht in den Bergen

Nach wenigen Höhenmeter entdecken wir eine Informationstafel. Neugierig studieren wir die darauf angeführten Informationen. Und das erste Schlagwort: „prima guerra mondiale“. Nun löst sich das Rätsel: wir befinden uns inmitten eines der heiß umkämpftesten Gebiete des 1. Weltkriegs. Wo heute friedliche Stille herrscht, lieferten sich Österreichisch-ungarische und italienische Truppen einen blutigen Stellungskampf. Der Col di Lana spielte dabei eine entscheidende Rolle.

Als wir zu den bereits von weitem gesehenen „Furchen“ kommen, staunen wir nicht schlecht: es sind Stellungsgräben – unterbrochen mit Tunneleingängen, die in den Berg hineinführen. Vor knapp 100 Jahren gebaut (1916), dienten sie zur Verteidigung, zum Schutz – UND: zur Verminung. Sowohl die Österreicher, als auch die Italiener füllten den Berg mit Minen, um dem Gegner den Zugang zu verwehren.

Cima Sief
Schützengräben
Cima Sief
Tunnelsystem am Cima Sief

Am Gipfel des Cima Sief angekommen, erhalten wir die finale Erklärung, was sich hier abgespielt hat: die österr. Truppen hatten 45.005kg Sprengstoff in die Bergstollen gebracht und zündeten diesem im September 1917. Der nördliche Teil des Col di Lana wurde weggesprengt, zurück blieb ein Krater.

Cima Sief
Gesichtsunterricht am Cima Sief

Wir klettern über den sehr gut mit Seilen ausgebauten Klettersteig über den durch kriegerische Menschenhand veränderte Bergformation. (Dieser Klettersteig ist ohne Kletterausrüstung gut passierbar!) Immer wieder entdecken wir Tunnellöcher und Schützengräben. Ich versuche mir vorzustellen, was sich hier vor 100 Jahren abgespielt haben muss. All das Leid, die Qualen, die Angst. Nicht nur vor dem feindlichen Soldaten, auch die Natur verlangte allen Seiten Unmenschliches ab.

Col di Lana
Stellungen auf 2.400m Seehöhe – am Bergkamm des Col di Lana

Wofür es kaum Worte gibt…

Über Stufen gelangen wir nach gut zwei Stunden Gehzeit zum Gipfelkreuz des Col di Lana. Neben dem großen Kreuz stehen kleine, einfach Holzkruzifixe. Dahinter liegt ein großer Bombenkrater. Die Aussicht auf die umliegenden Berge ist gewaltig, doch uns bewegt mehr die Vorstellung was hier alles vorgefallen sein muss. Unterhalb des Gipfels liegt die liebevoll aus Holz erbaute Gedenkkapelle Brigata Cadore. Wir machen erneut Halt, sprechen kaum. Stille.

Brigata Cadore
Im Gedenken: Brigata Cadore
Col di Lana
Das Mahnmal am Gipfel des Col di Lana
Col di Lana
Kontraste: traumhafte Natur, unglaubliche Ausblicke – und die Erinnerung an traurige Tage

Nach einer kleinen Ewigkeit steigen wir über den Weg Nr. 21 in Richtung Süden wieder ab. Erneut kommen wir an verfallenen Stellungen vorbei. Nach etwa 20 Minuten erreichen wir den Teriòl Ladin, ein Wanderweg, der rund um den Col di Lana führt. Wir halten uns darauf nun rechts in westliche Richtung und können jetzt den eben bestiegenen Berg von unten bewundern. Links und rechts des Weges wölben sich die Bombenkrater. Verrostete Bombensplitter mischen sich unter die Steine am Weg. Da und dort erheben sich Steinhaufen, die die ehemaligen Stellungen erahnen lassen.

Col di Lana
Wer hat wohl aus dieser Dose gegessen? Zeitzeugen erinnern…

Gedenken: 1914 – 2014

Zum 100jährigen Gedenken an den 1. Weltkrieg gibt es im heurigen Jahr unzählige Ausstellungen, TV-Filme sowie Dokus, Veranstaltungen und vieles mehr. Diese Wanderung durch die sonst so friedlich wirkende Südtiroler Bergwelt ließ mich heute nur ansatzweise die Brutalität der damaligen Ereignisse begreifen,. Es war ein Streifzug durch die Geschichte meiner Heimat, und gleichzeitig einer Zeit, die einer meiner Großväter als kleiner Junge bereits miterlebte.

Stellungen Col di Lana
VERGISS – MEIN – NICHT

Wir passieren den Col de la Roda, der versteckt im Lärchenwald liegt und kommen hinunter an die Forststraße, die gleichzeitig den Weg Nr. 22 bildet. Wir bieten erneut rechts ab, um den gut 400 Höhenmeter über uns liegenden Ausgangspunkt, dem Rifugio Pralongià, zu erreichen.

Zurück mit einem Rucksack voller Gedanken und Gedenken

Immer wieder schweift mein Blick hinüber zu den beiden Gipfeln… wie oft jammern wir über Unannehmlichkeiten, Mühen und Probleme. Während dieser Wanderung relativierte sich für mich Vieles. Menschen, die so alt wie ich waren und jünger, voll mit Wünschen und Träumen mussten hier ihr Leben oder ihre wertvolle Lebenszeit vergeuden… es blieb ihnen keine andere Wahl. Wir haben das Glück (noch) wählen zu können.

Es gibt wahrscheinlich unzählige solcher Plätze, die eingebettet in traumhafter Natur ihre mahnende Geschichte erzählen. Sie ab und dann zu besuchen ermöglicht das eigene Leben wieder bunter und vielfältiger zu sehen. Probiere es aus!

PS für TrailläuferInnen:

Grundsätzlich lässt sich der Col di Lana erlaufen – am besten von Pieve di Livinallongo (1.500m) – von dort immer Nr. 21 entlang. Von nördlicher Seite wird der Laufrhythmus durch den Klettersteig unterbrochen. Meines Erachtens sollte man diese Ruhestätte aber ruhig und mit Ehrfurcht besteigen.

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