Franz Stampfl – Biografie eines Trainergenies

Der 6. Mai 1954 gilt in der Sportwelt als unvergesslicher Tag. An diesem Abend wurde eine magische Barriere durchbrochen, Erhofftes wurde wahr: der Brite Roger Bannister unterbot als erster Mensch die vier Minuten über die Meile. Seither blieben rund 1.300 Läufer unter dieser magischen Grenze… doch das erste Mal ist und bleibt einer der größten Momente in der Laufgeschichte.

Planer und Wegbereiter dieses Husarenritts war ein Österreicher. Sein Name: Franz Stampfl. (Im Video jener Mann, der Bannister nach seinem Zieleinlauf stützt!) Ein großer Name in der Welt der Leichtathletik – doch in seiner Heimat unbekannt. Ja sogar verkannt! Andreas Maier – ein großartiger Sportjournalist-Kollege hat seine Geschichte „ausgegraben“ und die Biografie das Trainergenies und Visionärs Franz Stampfl zu Papier gebracht. Kaum hatte ich es in Hände, saugte ich regelrecht die Zeile auf und kam über die 180 Seiten nicht mehr aus dem Staunen.

Andreas mit Sohn Stampfl’s Sohn Anton bei der Buchpräsentation in Wien, Credit: SIP

Andreas baut Stampfl’s Biografie chronologisch auf – erzählt von seinen Kindheitstagen im Wien der 1. Republik, der Entscheidung sein Glück in Großbritannien zu suchen, um dort als wohl erster vollberuflicher Trainer seine ersten Schritte zu tun. Das Schicksal ist hart für den 1913 geborenen Stampfl… während des 2. Weltkrieges kommt er mehrmals nur durch seinen scheinbar überbrechbaren Überlebenswillen mit dem nackten Leben davon. Erfahrungen, die er nach dem Krieg wie kein anderer an Leichtathleten weitergibt und zahlreiche Leichtathletik-Größen herausbringt. Bis ins kleinste Detail beschreibt Andreas Maier das Zustandekommen des Meilen-Rekords von Bannister – und schildert in gleicher Weise sämtliche Highlights in Stampfl’s Wirken. Auch jene Seiten, die nicht so strahlten, bringt Maier ans Licht – und zeichnet ein authentisches Gesicht dieses Trainergenies.

Andreas Maier gestattete mir in einem kurzen Interview ein paar Blicke hinter die Kulissen des Buches „Franz Stampfl – Trainergenie und Weltbürger: Biografie eines Visionärs.“

Stampfl 1954, Credit: bring back the mile

Running Zuschi: Wo ist dir zum ersten Mal die Person bzw. Figur Franz Stampfl begegnet? 

Andreas: 2004 im Umfeld des 50. Jahrestages der ersten Meile unter 4 Minuten von Roger Bannister. In Großbritannien gab es viele Zeitungsberichte, Feiern, Bücher darüber. Dabei ist manchmal ein Mann mit gänzlich unenglisch klingendem Namen erwähnt worden, der „Viennese coach“ Franz Stampfl.

Running Zuschi: Wie kamst du auf die Idee eine Biografie über Franz Stampfl zu schreiben?

Andreas: Im Herbst 2011 ist ein australisches Filmteam nach Wien gekommen, um für eine Dokumentation Interviews mit Verwandten von Franz Stampfl zu führen. Dass über 15 Jahre nach dem Tod der Person jemand eine Dokumentation machen will, hat mir gezeigt, welch großen Einfluss und welch große Ausstrahlung Franz Stampfl gehabt haben muss. Ab diesem Zeitpunkt wollte ich der Geschichte genauer nachgehen. Bald habe ich gemerkt, dass in Österreich nur ganz wenige Menschen mit dem Namen Franz Stampfl etwas anfangen konnten und dass auch in England und Australien nur Ausschnitte seiner Biografie bekannt sind.

Running Zuschi: Franz Stampfl trägt ein typisches österreichisches Schicksal – von der Welt verehrt, in Österreich vergessen. Wo liegen für dich die Gründe dafür, dass Stampfl in seiner Heimat unbekannt ist?

Andreas: Er war – aus österreichischer Sicht – zur falschen Zeit am falschen Ort in der falschen Sportart erfolgreich. Nach dem Zweiten Weltkrieg war man persönlich und politisch mit den Nachwirkungen einer großen Katastrophe und einem Neuanfang beschäftigt. Es gab also genug eigene Sorgen. Nur wenige haben über den Tellerrand geschaut. Vielleicht war auch die Meinung vorhanden, dass jemand, der das Land verlassen hat, es auf verschiedene Weisen in der Kriegszeit leichter gehabt hätte. Erst viel später hat sich die Idee verbreitet, dass man geborenen Österreichern, die im Ausland Erfolg haben, Anerkennung entgegen bringt. England und Australien waren örtlich und mental weit entfernt. Die Leichtathletik hatte in Österreich einen viel geringeren Stellenwert als in diesen Ländern.

Running Zuschi: Wie gestalteten sich die Recherchearbeiten für dich? Wie lange hast du für die Materialsammlung gebraucht? 

Andreas: Recherchebeginn war im November 2011 – eine sehr spannende Reise in die Geschichte!

Running Zuschi: Welches Interview hat sich am tiefsten bei dir eingebrannt? 

Andreas: Es war bei allen Läufern, mit denen ich gesprochen habe, faszinierend, wie stark sie das Geschehen, das zum Teil 60 Jahre zurück liegt, präsent hatten und wie gut sie sich an Franz Stampfl erinnern konnten: Roger Bannister, Chris Chataway und Ralph Doubell, auch Ron Clarke, der per E-Mail geantwortet hat. Am Schönsten waren die langen Gespräche mit Anton Stampfl, oft gemeinsam mit den Historikern Elisabeth Lebensaft und Christoph Mentschl, in denen wir aus zahlreichen Blickwinkeln – Sport, Geschichte, Persönliches – über Franz Stampfl und die Zeit, in der er lebte, diskutiert haben.

Running Zuschi: Was können aus deiner Sicht österreichische Trainer heute von Stampfl lernen?

Andreas: Ich denke, seine Geschichte ist nicht nur für Trainer oder Sportler interessant, weil sie sehr viel allgemeine Lebenserfahrung beinhaltet. „Lass dich nicht von den Umständen unterkriegen – Übernimm keine vorgefertigten Meinungen und Glaubenssätze – Alles, was im Körper geschieht, wird im Geist gespeichert – Man muss daran glauben, dass in jedem Menschen der Funken eines Genies vorhanden ist.“

Was man lernen könnte:

  • Das Interesse an Neuem: an Ideen (Training, Wissenschaft, Kunst), Arbeitsweisen und Technologien
  • Den Glauben, dass ein Mensch mehr Leistungen und Kräfte aufbringen kann, als man zunächst meint
  • Den großen Wert der Zusammenarbeit und des gemeinsamen Trainings in Gruppen

Liebe Andreas – vielen DANK für den Einblick! Und Danke für diese großartige Arbeit!

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