Rock’n Roll Marathon Serie: Ende der Elite Startfelder in den USA

Es war ein Paukenschlag! Competitor Group (CGI) – die Organisatoren der größten Halbmarathon und Marathon Laufserie – die Rock’n Roll Marathon Serie – cancelten kurzfristig und ohne Vorwarnung die Elite Startfelder bei sämtlichen Marathonrennen in den USA.

Was heißt das konkret: der Veranstalter zahlt ab sofort keine Antrittsgelder sowie Reisekosten für Eliteläufer – aus aller Welt. Somit wird es – vorerst in den USA – bei den über 30 Rennen dieser bedeutenden Veranstaltungsserie auch keine Elitewertungen mehr geben. Laut CGI soll das daraus freigewordene Kapital in das Hauptfeld der Hobbyläufer investiert werden. (Lt. CGI sollen das pro Jahr rund $ 475.000,– sein) Genaue Umschichtungsinformationen gibt es noch nicht… denn auch die Bekanntgabe dieser Änderung erfolgte nicht direkt über die Competitor Group. Es waren die Athletenmanager, die von CGI ein Inforschreiben erhalten haben. Sie gingen damit an die Presse.

Einen sehr detaillierten Bericht über darüber kannst du HIER auf runblogrun nachlesen.

Credit: ulischalk.de

Der eine oder die andere wird sich jetzt fragen: Warum soll das ein Paukenschlag sein? Was interessieren mich die Eliteläufer? 

  • Eliteläufer sind bei vielen Rennen der mediale „Aufputz“ – klingende Namen locken Presse, Sponsoren, Zuschauer, Teilnehmer.
  • Ohne Bezahlung bleiben die Top-Läufer aus.
  • Ohne Top-Athleten gibt es keine Rekordzeiten.
  • Ohne schnelle Zeiten verliert das Rennen – auch unter den Hobbyläufern – an Reiz.
  • Ohne Teilnahmebegehrlichkeit – keine Hobbyläufer.
  • Ohne Läufer – kein Rennen.
  • Ohne Athleten – keine Stories für die Presse.
  • Ohne Medienbeiträge – keine Bühne für Sponsoren.
  • Ohne Sponsoren + Teilnehmer – keine Einnahmen.

Diese Liste lässt sich sicherlich noch weiterführen… Doch die Quintessenz: OHNE GELD – KEIN LAUF!

Wobei ich noch einen weiteren Punkt hinzufügen möchte: Eliteläufer sind zu 95% Profis. D.h. sie leben von Antritts- und Preisgeldern sowie von finanzieller Unterstützung durch Sponsoren. Fallen diese Einnahmen nach und nach weg, müssen sie ihren Profistatus aufgeben, ihr Training hinten anstellen und auf anderem Wege ihr Lebensunterhalt verdienen.

Das führt unweigerlich zu einem Leistungsrückgang – als Halbprofi auf absolutem Weltniveau zu bleiben ist heute nicht mehr möglich.

Haile Gebrselassie
Mobilisierte Masse: Haile in Wien

Das Resultat: die Leistungsdichte und schlussendlich auch die Leistungen gehen zurück. Die Sportart wird langsam aber sicher für Medien wie Zuschauer uninteressant.

Warum hat sich gerade der Laufsport – vor allem im Breitensport – in den letzten Jahrzehnten so rasant entwickelt?

  • Der Reiz, Teil dieser wachsenden Community zu sein
  • Der Reiz, sich mit anderen zu messen
  • Der Reiz, im selben Rennen mit den Weltbesten zu sein

Warum boomen gerade der Berlin Marathon, der New York City Marathon oder der London Marathon – und warum verzeichnet z.B. der Vienna City Marathon immer mehr teilnehmende Nationen?

Berlin gilt als Weltrekordstrecke – dank der Eliteläufer wie Haile Gebrselassie und Patrick Makau, New York City zelebriert jeder Jahr das Elitefeld wie kein anderes Rennen und in London gibt sich das How is how der Langstreckenlaufszene jährlich sein Stelldichein. Die INTERNATIONALE Presse ist immer an vorderster Front dabei. Nirgendswo sind so so viele Journalisten akkreditiert wie bei diesen Rennen.

Und Wien schaffte es dank der internationalen Berichterstattung über Haile aus den unzähligen anderen Veranstaltungen herauszustechen, was wiederum Begehrlichkeit bei Otto Normal Verbraucher hervorrief. Der Tourismus und die Wirtschaft profitierte…

Einmal laufen mit Paula… unvergesslich Credit: independent.co.uk

Amy Donaldson von den Deseret News bringt in ihrem Artikel „Everybody should care that Rock’n Roll Marathon series will no longer support elite runners“ noch einen weiteren Punkt aufs Tablett: Eliteläufer inspirieren. Wer einmal das Vergnügen hatte Haile Gebrselassie persönlich zu treffen, seine Leidenschaft für den Laufsport erlebt zu haben, weiß wie es sich anfühlt. Völlig gleichgültig, ob er bereits ein ambitionierter Hobbyläufer ist, oder noch nie ein Paar Laufschuhe an seinen Füßen hatte. Er will laufen, er will dieses Gefühl selbst verspüren. Das wirkt nicht nur für ein Rennen – das bleibt für ewig. Denn jeder einzelne Sportler hat seine Geschichte – und jede Geschichte macht Mut. Sport geht eben weit über die Start- und Ziellinie hinaus. Es umgreift das ganze Leben, es verändert Ansichten, verschiebt Realitäten.

Gibt es keine Elitefelder mehr, verschwinden die Vorbilder… und dann? Die Jugend hat keine Idole mehr, niemand dem man folgen kann.

Doch ich möchte nicht alles schwarz-weiß malen! Meiner Ansicht nach gibt es nur grau!

  • Ja, der Laufsport sollte von den Medien und Veranstaltern nicht nur auf Eliterennen reduziert werden. Es gibt gerade im Hauptfeld viele inspirierende Geschichten: ein beeinträchtigter Läufer, der einen Marathon schafft, ein 100jähriger, der seinen X-ten Marathon läuft, eine 7-fache Mutter usw…. Menschen wie du und ich. Das motiviert es ihnen nach zu machen.
  • Ja, gerade der Gesundheitssport sollte nicht von finanziellen Lockmitteln getrieben werden.
  • Ja, die großen Jubelschreie sollen auch für die letzten Finisher genauso laut sein, wie für die Ersten!
  • Ja, jeder Teilnehmer hat das Anrecht auf gleichen Support – und ausreichend Verpflegung sowie ein unterhaltsames Rahmenprogramm.
  • Ja, jeder Läufer soll gleich hofiert werden wie ein Eliteläufer.
  • Ja, viele Teilnehmer interessiert sich nur bedingt für die Sieger im jeweiligen Rennen. Sie fühlen sich als Gewinner und wollen auch so gefeiert werden.
  • Ja, durch die rückgängige Sponsorenausgaben fehlt Geld, um hochwertige sowie herausragende Veranstaltungen auf die Beine zu stellen.
  • Ja, große Teile der Antritts- und Preisgelder landen bei Managern. In manchen Rennställen bekommen die Athleten nur einen Bruchteil von der Gesamtsumme. Vor allem einzelne Managementagenturen in Ostafrika  wenden zweifelhafte Strategien an.
  • Ja, der Leistungsdruck ist ein Haupttreiber in der Dopingthematik – frei nach dem Prinzip: schneller, höher, weiter
  • Ja, durch die Dominanz der LäuferInnen aus Ostafrika kommen AthletInnen aus Europa und Amerika kaum an. Die Weltrangliste 2013 der Herren über die Marathondistanz spricht Bände.

Die Maßnahme von CGI kann man betrachten wie man will, sie verurteilen oder gutheißen. Nichts desto trotz: dieses Vorgehen zeigt uns, dass im Straßenlaufsport etwas nicht stimmt. Viele Dinge sind ins Ungleichgewicht geraten und verlangen nach zeitgemäßer Adaptierung. Antrittsgelder, Prämien usw. wurden über die Jahre übernommen – fanden sogar im Hobbybereich Einzug.

Auch der Wachstumswahn von Bewerben, das ständige Streben nach Streckenrekorden usw. könnte endlich einmal überdacht werden. Vielleicht müssen wir auch Platzierungen und das Siegen neu definieren???

Insgesamt: selbstverständlich gewordene Handlungen und Forderungen gilt es zu überdenken. Denn die Zeiten ändern sich! Und das ist gut so! Denn: wer möchte ewig auf seiner Einstiegsausdauer sitzenbleiben und ewig in den ersten Laufschuhen rennen??? Was nicht heißen soll, nur wer schneller wird, wird besser! Es gibt viele Facetten – neue Facetten und die müssen wir herausarbeiten!

Daher ist es doppelt so spannend, dass am selben Tag die Meldung raus ging, dass ab sofort Trail- und Ultraläufer bei der Ultra Trail World Tour erstmals in den Genuss von Antrittsgeldern und Reisekostenübernahmen kommen…

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