Olympischer Herren Marathon 2012: Ergebnisse und Statistik

Der Olympische Herrenmarathon 2012 in London schrieb heute Mittag ein weiteres, kaum erwartetes Kapitel Olympiageschichte. „Olympische Spiele haben andere Gesetze“ – diese Aussage trifft in gewisser Weise auch auf den Ausgang des letzten Leichtathletikbewerbs dieser Spiele zu. Doch nicht ganz…

Credit: HvB

Im Vorfeld

Ausgehend von der Jahresbestenliste wurde ein alleiniges Rennen zwischen Kenia und Äthiopien kollportiert. 3 gegen 3 – und unter ihnen die beiden schnellsten und heißesten Anwärter auf Gold: Ayele Abshero (ETH, 2:04:23) und Wilson Kiprop (KEN, 2:04:44). Den anderen 106 Startern räumte man wenige Chancen ein. Erstaunlicherweise erhielten die männlichen Marathonläufer im Vorfeld bei weitem nicht die Bühne, wie etwa die Damen oder andere Leichtathleten. Das mag natürlich mit den Fabelzeiten der Sprinter zu tun haben – sowie all den anderen Olympischen Ereignissen. Ich bin der Meinung, dass es auch mit dem für viele erwarteten eintönigen Länderkampf zusammenhang.

Credit: examiner.com

Das Rennen

Aus Fehlern lernt man(n)… das wird sich heute und in den nächsten Tagen Wilson Kipsang denken. Denn nach 15 Kilometer zog der schon erfahrene Marathonläufer, der beim BMW Frankfurt Marathon 2011 um lausige vier Sekunden den Marathonweltrekord seines Landsmannes Patrick Makau verpasst hatte, das Tempo scharf an. Zwischen 15 und 20K lief er 5K in unglaublichen 14:11 und holte sich einen Vorsprung von rd. 20 Sekunden heraus. Einsam an der Spitze lief er durch London’s Straßen… doch nach Hälfte des Rennens schwanden seine Kräfte. Wie lautet ein altes Läufersprichwort? „Auf den ersten Kilometern gewinnst du kein Rennen!“ Wie wahr, wie wahr! Zuerst hielt Kipsang noch konstant die Pace zu seinen Verfolgern, doch dann war Schluss mit lustig… er mußte Triput zollen und mit seinem Landsmann Abel Kirui und seinem Nachnamensvetter Stephen Kiprotich (Uganda) Schulter an Schulter im Trio weiterkämpfen. Seine Blicke und sein Gesichtsausdruck verrieten, dass ihm das ganz und gar nicht passte! Während Kirui mit zwei Weltmeistertiteln als geheimer Anwärter gehandelt wurde, war der junge Mann aus dem Kenianischen Nachbarland wohl auch für den Superstar Kipsang mehr als eine Überraschung.

Credit: London 2012

Doch das dicke Ende kam noch: bei Kilometer 37, an dritter Stelle, 3-4 Schritte hinter den Kenianern, laufend, ging Kiprotich mit dem Oberkörper nach vorne und startete in einer 90 Grad Kurve wie vom Blitz getroffen, los (ob er sich das von den Jamaikanern abgeschaut hat)? Kirui und Kipsang schienen zuerst überrascht, dann sammelte der Marathonweltmeister Kirui seine letzten Kräfte und versuchte ihm zu folgen. Kipsang mußte als leer gelaufener Dritter das Schauspiel von hinten mit ansehen. Doch es war zu spät… Kiprotich war nicht mehr einzuholen. Bereits zwei Kilometer vor dem Ziel konnte er sich über einen Polster von über 20 Sekunden freuen, winkte regelrecht entspannt den Zuschauern zu und schien seinen Siegeszug regelrecht zu genießen.

Der Goldjunge – der junge Draufgänger

Vor dem Ziel stoppte er, griff nach der Landesflagge und lief in Jubelpose über die Ziellinie. Der 23jährige Stephen Kiprotich aus Uganda holte sich mit einer Zeit von 2:08:01 die Goldmedaille – übrigens die 2. Olympische Medaille für sein Land. (die 1. gewann der 400-Meter Hürdenläufer John Akii-Bua 1972) „Ich kam nach London, um eine Medaille zu gewinnen. Ich habe für mein Volk gewonnen!“ so der patriotische, frisch gebackene Olympiasieger.

Nach London war er gerade einmal mit drei gefinishten Marathons gereist. 2011 siegte er in persönlicher Bestzeit von 2:07:20 in Eschede, beim Tokio Marathon im Februar 2012 war er nur empfindlich langsamer gelaufen (2:07:50) Ansonsten: ein unbeschriebenes Blatt. Und doch: scheinbar selbstbewußt, ungestühm und ein Kämpfer.

Da es in seiner Heimat keine guten Trainingsbedingungen gibt, trainiert er unter anderem mit Emmanuel Mutai, dem World Majors Sieger des Vorjahres. Dass er unter weltmeisterlichen Fittichen ist, scheint auch mit ein Baustein seines Erfolges zu sein: Jos Hermens – Manager u.a. von Haile Gebrselassie und der neuen Olympiasiegerin Tiki Gelana kümmert sich um Kiprotich. Er war es auch, der den jungen Mann zum Umstieg auf die Marathondistanz motivierte.

In diesem Rennen ließ er sich von den vermeindlich Großen nicht einschüchtern, sondern zog einfach sein Ding durch. Niedergeschrieben und vielleicht auch gedacht ist es leicht… doch getan…? Wir verneigen uns. Bleibt nur zu hoffen, dass er auch zukünftig in der obersten Liga mitläuft…

Credit: London 2012

Der Silberne  – der zweifache Weltmeister

Der sympathische Abel Kirui kam 26 Sekunden später, als verdienter Silberner ins Ziel. Und er freute sich. Rund um die Kenanische Selektion war gerade er immer wieder angezweifelt worden, konnte er doch „nur“ eine persönliche Bestzeit von 2:05:04 aus dem Jahre 2009 und einem sechsten Platz beim Virgin London Marathon 2012 aufweisen. Mit seinen beiden Goldenen bei Meisterschaftsrennen hatte er aber eindrucksvoll bewiesen, dass er gerade in solchen Rennsituationen der richtige Mann ist.

Vor dem London Marathon im April erzählte er mir, dass er jeden Abend, wenn er die Augen schließt, sich an der Olympische Startlinie sieht. „Ich weiß, dass ich im August hier starten werde und eine Medaille gewinne.“ Bei diesen Worten bekam er nasse Augen und blickte mich ernst an. Nicht, weil er zweifelte – nein, weil er es verdammt ernst meinte. Der ehemalige VCM Sieger ist ein Kämpfer. „Alle meine Rennen gewinne ich immer im Kopf,“ so Abel. Wien hat er immer in bester Erinnerung und bei jedem Zusammentreffen schwärmt er vom Empfang beim Bundespräsidenten, wo die Militärgarde für ihn stramm stand. „Diese wunderschönen Uniformen,“…

Mit dieser Silbermedaille rettet er die Kenanische Ehre… denn die Latte war hochgelegt worden: Das Gold von Sammy hätte wieder nach Kenia gehen sollen. Doch mit dieser 3. internationalen Medaille reiht sich Kirui endgültig in die Ahnentafel der großen Kenianischen Läufer ein.

Credit: eurosport

Der Bronze – der enttäuschte Dritte

Ganze 1,5 Minuten nahm der Mann aus Uganda dem großen Favoriten Kipsang auf den letzten 5 Kilometern ab. Enttäuscht und fast zornig kam der 30jährige Läufer ins Ziel. Seinen Landsmann würdigte er keinen Blick… zu tief saß die Niederlage. Kipsang ist als beinharter Arbeiter bekannt. Er trainiert alleine, ist im Vergleich zu seinen Landsleuten ein Alleingänger. Einen Trainer braucht er nicht, er macht es auf seine Tour. Nur sein Manager Gerard van de Veen begleitet ihn. Nach dem Virgin London Marathon, den er mit einem beeindruckenden Schlusssolo ab KM 21 gewonnen hatte, meinte er: „Ich laufe immer am Limit.“ Das war sicherlich auch heute der Fall – doch ständig Oberkante zu laufen… das kann auch einem Spitzenmann wie Kipsang zu viel werden.

Nach dem Olympia Rennen mußte sich Kipsang eingestehen: „That heat killed my spirit off. I did not know it would get hotter when I kicked,“ so Kipsang… auch Spitzenläufer kann das Wetter umhauen! Nach dieser empfindlichen Niederlage möchte er sich wieder der Weltrekordjagd widmen… eine 2. Möglichkeit in Kenia – zumind. in den Geschichtsbüchern – unsterblich zu werden.

Credit: eurosport

Die bitter Geschlagenen

Aus dem erwarteten Duell Kenia vs. Äthiopien ist nichts geworden… v.a. für die Äthiopier kam es noch dicker: keiner der drei Athleten sah das Ziel. Abshero, Feleke und Sefir mußten aufgeben. Ähnlich erging es auch dem US-Amerikaner Ryan Hall, der als einziger weißer Läufer die 2:05 Marke unterboten hatte (Boston, 2011). Auch Günther Weidlinger hatte bei KM 12 seinen Olympiatraum ausgeträumt. Schmerzen an der Achillessehne zwangen ihm zum Aufgeben. Die Bilder des geknickten Österreichers geisterten bereits wenige Minuten später durch das Internet. Auf diesem Wege gute Besserung…!

Die Überraschungen

Meb Keflezighi (USA) war der einzige Athlet im Starterfeld, der bereits eine olympische Marathon zu Hause hat. Fast hätte er sich noch eine zweite geholt… mit einer imposanten Aufholjagd am Ende des Rennens arbeitete er sich noch auf den (undankbaren) 4. Platz vor (2:11:06). Er nahm es gelassen: “Fourth is not the place I wanted to finish,” Keflezighi said afterwards. “But fourth in the world, I’ll take it. I’m very proud of myself.”

Vier Sekunden hinter ihm lief ein weiterer Spitzenläufer ins Ziel: Dos Santos aus Brasilien. Was jetzt nicht gerade eine Überraschung ist.. viel interessanter ist, dass alle drei Brasilianer unter den ersten 13. finishten! Das schafften nicht einmal die Kenanier… den Emmanuel Mutai, der für den verletzten Mosop ins Aufgebot nachgerückt war, wurde 17.

Credit: competitor.com

Und die Europäer…

Viktor Röthlin (SUI) hatte sich als Ziel gesetzt – wie schon in Peking – als bester Nicht Afrikanischer Läufer zu finishen. Das gelang ihm – trotz ausgezeichneten 11. Platz – nicht. Keflezighi, der gebürtiger Afrikaner ist, natürlich ausgenommen – kamen gleich fünf! Nicht Afrikaner unter die Top 10! Auf Platz 9 landete der Pole Henryk Szost und gleich hinter ihm der Italiener Ruggero Pertile.

Die Spiele sind Geschichte… was die Zukunft des Marathonsports bringen wird??? Es wird spannend – und wahrscheinlich vieles neu… aber das ist eine andere Geschichte!

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