Kilian’s Classik 2012: Laufende Freiheit

Kilian Jornet
Credit: HvB

Kilian Jornet ist eigentlich ein sehr introvertierter spanischer Kerl. Doch wenn er irgendwelche Bergketten überläuft, geht er ganz und gar aus sich heraus. Er beginnt wie ein Vogel zu fliegen und dabei eine neue Freiheit zu definieren. Er hat sich in den letzten Jahren zum Ausnahme-Trailläufer entwickelt. Wenn es irgendwo ein aussergewöhnliches Rennen gibt, ist er dabei und setzt dann und wann noch einen „kleinen“ Hügel dazu. Nicht aus Größenwahn, sondern purer Leidenschaft…

Vor zwei Jahren rannte er über seine Heimatberge, die spanischen Pyrenäen und wollte dabei seine 2. Heimatstadt Font Romeu nicht links liegen lassen… die verträumte Sportcity auf über 1.800m gilt bereits seit den 1960er Jahren als Hochburg großer Sportler. Viele Ausdauerathleten pilgern Jahr für Jahr hinauf, um sich auf ihre sportlichen Ziele vorzubereiten. Unter anderem Paula Radcliffe bezeichnet seit Jahren Font Romeu als ihre zweites Zuhause.

Doch nicht nur das Training spielt in dieser 1.800 Seelen Stadt eine große Rolle… auch Rennen haben hier Tradition. Und so entstand nach Kilian’s Lauftrip von Salomon die Idee ein Trailrennen zu veranstalten. Die Kilian’s Classik war geboren. Zum 2. Geburtstag hatte ich die Ehre mit dabei sein zu dürfen. Bei meiner Anreise konnte ich mir noch nicht so ganz vorstellen, was mich da erwarten würde… ja, ich habe schon von einigen Trailläufen berichtet und die Athleten bestaunt, wenn sie nach 30, 40 oder mehr Kilometern über Stock und Stein, Berg und Tal überglücklich im Ziel ankamen. Wie es einem währenddessen ergeht, davon hatte ich noch keine Ahnung… einsam – fern jeder Zivilisation unterwegs zu sein, steile Hänge hinauf und hinunter – das war ganz was Neues für mich. So entschied ich mich für die 25 Kilometer, die ich zur Prämiere als gemütlichen Longjog absolvieren wollte.

Freiheit pur
Credit: Horst von Bohlen

Was mich heute morgen um kurz vor 9 Uhr erwartete, überstieg meine Erwartungen: nicht nur was das Wetter anbelangt… fröhliche Stimmung unter den Teilnehmern, die entspannt – ohne Drängen oder Herumfiebern auf den Startschuss warteten. Und trotz Bruttozeitnehmung ganz gemütlich über die Startlinie trotteten. Nach etwa 500 Metern wurde es eng… ein schmaler Trail mußte rund 700 Teilnehmer „schlucken“. Hektik? Rempeln? Weit gefehlt… Plaudern, Lachen, easy going… Und so ließ ich mich einfach vom Strom treiben – hinauf in die Einsamkeit. Kilometer für Kilometer wurde es immer ruhiger um mich, das Feld zog sich auseinander. Als ich nach rund 13 Kilometern an den Seen oberhalb von Font Romeu ankam, konnte ich die unglaubliche Freiheit genießen von der in den Tagen davor die Trailrunner wie Kilian Jornet, Anna Frost oder Jonathan Wyatt geschwärmt hatten. Da war sie, die Ruhe und nur mein Atem. Ich fühlte mich leicht, hüpfte fröhlich von einem Stein auf den anderen. Dass ich in einem Rennen war, hatte ich komplett vergessen. Anstrengung, Schmerzen? Ja – ich glaube da war was, doch irgendwie konnten sie keine Leitung zu meiner Wahrnehmung aufbauen. Ok, ich war nicht auf Anschlag unterwegs… es wäre fast zu schade gewesen, es hätte mir diese Momente versagt.

Mit steigender Kilometerzahl stiegen auch die Anfeuerungsrufe am Wegesrand… von jung bis alt war die Stadt auf den Beinen und feuerte die Athleten an. Und dann der Moment, in dem ich in die Zielstraße einbog… wow… Gänsehaut vom Zielapplaus, dem jeden Finisher gespendet wurde. Und doch bliebt die Einsamkeit der Trails in dieser traumhaften Gegend ganz tief in mir.

Einfach Spaß und Freude unter ganz Großen! (v.l. Greg Vollet/Salomon, Kilian Jornet, Tom Owens)
Credit: Horst von Bohlen

Zeit? Platzierung? Egal – ich fühlte mich wie eine Siegerin. Ein ganz eigenartiges Gefühl… und dann wurde mir einiges klar… 🙂 Doch noch klarer wurde es mir, als Kilian nach 46km fröhlich und überhappy mit seinem Freund und Supporter Greg Vollet von Salomon und Tom Owens (Schottland) auf die Zielgerade einbog und sich anschließend in die Arme fielen. Gewinner? Alle!

Meiner Marathonleidenschaft werde ich sicher weiter frönen… doch solche Erlebnisse, wie die Kilian’s Classik, geben meiner Laufsportliebe einen ganz besonderen Kick und eine neue Sichtweise… und es tut einfach gut einmal nicht auf Biegen und Brechen unterwegs zu sein, sondern diese Lauffreiheit mit allen Sinnen zu genießen. Wobei es nicht nur dieses eine Rennen sein muß… auch in unserer Heimat gibt es bereits zahlreiche Events, die uns Läufern diese Erfahrung eröffnen… Ich wünsche euch viel Spaß dabei 🙂

2 comments on “Kilian’s Classik 2012: Laufende Freiheit

  1. Eindrucksvoller Bericht – danke für den etwas anderen Blickwinkel! Es gibt viele Sportbegeisterte, die nicht an Wettkämpfen teilnehmen. Die Freude an der Bewegung in der Natur – für mich mein Hauptantrieb! 😉

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