Handbike Weltmeisterin Ursula Schwaller: eine beeindruckende Begegnung

Mir fielen zuerst die Streifen blau-rot-schwarz-gelb-grün auf ihrem weißen Fahrradhelm auf. Eine Weltmeisterin unter den vielen Rennrad“verrückten“ – so wie wir – in Playa de Muro. Dann nahm ich erst den Rollstuhl und das danebenstehende Handbike wahr. Mit fokussiertem Blick und einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen schwang sie sich in ihr Gefährt, noch ein paar Handgriffe und schon brauste sie los. Das ist Ursula Schwaller, die Schweizer Ausnahme-Handbikerin. Einige wenige werden sie durch ihre Siege beim Berlin Marathon (inkl. Streckenrekord 2011) kennen, aber um ehrlich zu sein: auch wenn mich die Handbiker und Rollis bei den großen Marathons unglaublich faszinieren, so fand ich bis jetzt noch nie Zeit mich intensiver mit ihnen auseinander zu setzen. Doch jetzt, während unseres Mallorca Aufenthalts, schien endlich die Gelegenheit gekommen.

Credit: Horst von Bohlen

Und wieder war es eine andere Facette dieser jungen Frau, die bei unserem abendlichen Treffen zuerst meine Aufmerksamheit auf sich zog: ihre Fröhlichkeit, ihr Lachen und ihre Zufriedenheit. Ja, sie ist seit einem schweren Sturz bei einer Schneeschuhtour vor gut neun Jahren vom Brustbereich abwärts gelähmt. Doch gerade dieses Schicksal brachte sie zu dem was sie heute ist: eine großartige Sportlerin. Bereits während der Reha begann sie wieder aktiv zu werden… ihr Ziel: „zumindest mit Marcel (ihrem Lebensgefährten) wieder im Liegebike Touren mit einem rd. 20km/h Schnitt machen zu können“. Nichts weiter… und siehe da – plötzlich fand sie sich – gemeinsam mit Marcel – in der Handbiker Szene wieder. Eine sehr junge Disziplin, entstanden aus dem Liegebike. Bereits ein Jahr nach dem Unfall bestritt sie ihr erstes Rennen. Ein Bekannter hatte sie auf diese Idee gebracht. „Vor meiner Verletzung waren wir viel in Bewegung, doch ich habe keine Wettkämpfe bestritten,“ erzählte uns Ursula. Durch den Schicksalsschlag eröffneten sich für sie völlig neue Perspektiven, Erfolge und Erlebnisse, von denen sie vorher nicht einmal geträumt hatte.

Heute, gerade einmal neun Jahre später ist sie mehrfache Weltmeisterin, Weltcup- und Europacupsiegin. Was ihr noch fehlt sind Olympische Ehren. Doch mit London steht das Highlight des Jahres 2012 bereits vor der Tür. Und darauf arbeitet sie fokussiert und konsequent hin… mit allen Hürden und Herausforderungen. Doch im Mittelpunkt steht bei ihr die Freude und Leidenschaft für diesen Sport… mir vermittelte sie in unseren beiden Begegnungen nicht das MUSS, sondern das DÜRFEN.

Der Trainingsalltag

Sie zählt zu den Weltbesten in ihrer Disziplin, ausschließlich davon leben will sie nicht. Sie arbeitet 20 Wochenstunden als Architektin, „ein schöner Ausgleich für den Kopf,“ meint sie lachend. Gut 20 weitere Stunden investiert sie durchschnittlich pro Woche in ihr Training. Krafttraining, Kurbeln am Ergometer, Ausfahrten… im Winter und frühen Frühling im Grundlagenbereich, ab April geht es „ans Eingemachte“ mit Intervallen und harten, kurzen Einheiten. Dazu kommt das ständige Tüffeln am Material. Ihr Karbon-Handbike ist voll mit durchdachten Raffinessen oder besser gesagt minimalisiert auf ein verdammt schnelles Sportgerät. 80 Gramm hier, 80 Gramm dort, Füsslinge statt Schuhen… ein präzises Schweizer Uhrwerk. Ständig zur Seite steht ihr Marcel. Er unterstützt sie wo es nur geht, hält ihren umfangreichen Trainer- und Betreuerstab zusammen und begleitet sie mit dem Rennrad bei Ausfahrten oder mit dem E-Bike, wenn es sich um Speed Einheiten handelt. Mit an Bord des Trainerstabs ist auch Bruno Knutti, u.a. auch Athletiktrainer von Zeitfahrweltmeister Fabian Cancellara. „Wir können stark von den Erfahrungen aus dem Rennradbereich profitieren, aber auch umgekehrt. Bruno nahm schon einiges für seine Fahrer mit,“ weiß Marcel. Nichts wird dem Zufall überlassen…

Rad- oder Leichtathletin?

Auch wenn Ursula beim Berlin Marathon – einer der größten Leichtathletikveranstaltungen der Welt – an den Start geht, so ist sie doch Radsportlerin. Handbiken – wie schon ein Teil des Begriffs verrät – gehören dem Radsportverband an. Ihre UCI Weltmeistertrikots verraten es eigentlich und doch geht es gerade im Umfeld eines Straßenmarathons ein wenig unter. Was aber auf keinen Fall ihre Leistungen schmählern soll – im Gegenteil: was diese Sportler leisten, ist gewaltig. Mit rund 32 km/h donnert Ursula durch die Straßen, bewegt ihre Kurbeln nur mit der Kraft ihrer Arme – und das nur mit 2 Kettenblättern. Keine Frau fährt eine so harte Übersetzung wie sie. Millimetergenau legt sie sich in die Kurven, zieht ihr Gefährt fast spielerisch die Steigungen hinauf und braust bergab dahin ohne auch nur eine Sekunde zu zögern.

In der Begegnung…

Wenn Marcel und Ursula von ihrem Sport erzählen, strahlen nicht nur die Augen, sondern der Zuhörer ist gebannt von ihren Schilderungen. Es steckt unendliche Leidenschaft dahinter, die mich noch neugieriger auf ihr Tun macht. In all dem steht niemals ihr Schicksal im Vordergrund, sondern einfach nur die Freude diesen Sport ausüben zu können. Die Arbeit ist hart, manchmal erbarmungslos, wie in allen anderen Disziplinen – gleich, ob behindert oder nicht. Und wie wir so ganz vertieft im Gespräch sind, fragt plötzlich wie aus dem Nichts eine junge Frau: „Are you Ursula Schwaller? … Doping Control“

2 comments on “Handbike Weltmeisterin Ursula Schwaller: eine beeindruckende Begegnung

  1. Ein wirklich schöner Bericht, beeindruckend wie viel Zeit und Intensität in ihren Sport steckt. Toll, dass ihr Sport im Vordergrund steht und sie das Schicksal so meistert.

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