Eine Weihnachtsgeschichte

Credit: Horst von Bohlen

Er verbrachte – wie jeden Tag in den letzten fünf Jahren – im Büro. Das Kalenderblatt zeigte den 23.12.. Wenn, dann brauchte er jetzt – wenige Tage vor Jahresende – seine akribische Zahlenarbeit. Und das Ergebnis konnte sich sehen lassen: 1 Mio. EURO Gewinn vor Steuern! Diesen stattlichen Betrag hatte er in diesem Jahr durch sein Treiben als Etatdirektor erwirtschaftet. So viel wie noch nie in seiner Karriere – und das in Zeiten wie diesen! Zugegeben – er dachte weniger an den Erfolg der Agentur, viel mehr schenkte er der für sich herausspringenden Provision von € 10.000.– Augenmerk. Endlich war es so weit. Noch heute würde ihm sein Boss die Erfolgsprämie verkünden.

Aus seiner Träumerei holten ihn tatsächlich der Agentureigentümer Volker, als er wie aus dem Nichts in seinem Büro stand. In großer Erwartung, wie ein kleines Kind vor den vielen Weihnachtsgeschenken, blickte er auf das Kuvert in Volker’s Hand. „Sascha, tolle Arbeit. Doch jetzt ist es an der Zeit ein wenig runter zu kommen und die letzten Stunden vor dem Fest durch zu atmen. In fünf Minuten bist du weg, ok?“, gab ihm  sein Boss zu verstehen. „Ich wünsche dir frohe Weihnachten, lass es dir gut gehen und hier noch eine kleine Anerkennung. Kauf dir ‚was schönes.“ Er klopfte ihm auf die Schulter und war so rasch verschwunden, wie er gekommen war.

Hastig öffnete er das Kuvert, sich bereits die stolze Summe vor Augen ausmalend. Was ihm jedoch entgegen lachte war ein Weihnachtsmann in Sportschuhen. Fassungslos blickte er mindestens fünf Minuten auf den Gutschein einer Sportartikelkette. Links oben, in der Ecke prangte die Zahl 500,–. Was soll denn das? Das konnte doch nur ein Scherz sein! Resignation, Wut, Verzweiflung und was sonst noch alles gibt, kamen alle samt in ihm hoch. Nur die Tränen konnte er sich verkneifen.

Diese mehr als herbe Weihnachtsenttäuschung machte es ihm nicht wirklich schwer aus den heiligen Hallen der Agentur zu fliehen. Was sollte er mit diesem leppischen Schein anfangen? Ok, er war einmal ein wenig sportlich gewesen, doch das war schon eine Weile her. Wollte Volker ihn provozieren, ihm durch die Blume sagen, er hätte sich gehen lassen?

Als er mit seinem flotten Audi TT an einem der Sportartikel-Filialen vorbeifuhr, beschloss er augenblicklich zuzuschlagen. Immerhin prangte ein riesiges Transparent „-50% – nur noch heute,“ über der Eingangstür. Er hatte ja – auch angesichts der nur 3-stelligen Summe – nichts zu verschenken. Über die doppelte Sperrlinie machte er einen blitzschnellen U-turn. Dass deswegen ein klappriger Ford Fiesta fast in den Baum gekracht wäre, registrierte er nur peripher. Er hatte es eben eilig.

Credit: Uschi Visconti

Im Laden angekommen spazierte er doch die Abteilungen. Was sollte er sich um diese paar Euros leisten? Für eine coole Skiausrüstung war es eindeutig zu wenig. Alleine die neuen Head-Skier kosteten € 799,– Als er die schwarzharrige Verkäuferin in der Laufabteilung erblickt hatte, war alles klar. Er würde sich von Kopf bis Fuß mit neuen Laufklamotten einkleiden. Nicht weil er schon seit langer Zeit keine Laufschuhe erstanden hatte: vielmehr brauchte er nach diesem extrem frustrierenden Tag Frischblut. Das Opfer: Anika. Sie bemühte sich rührend um ihn, dem top-Läufer. Mehrmals versuchte er ihr klar zu machen, er würde beim kommenden Wien Marathon auf jeden Fall eine Zeit weit unter 3 Stunden schaffen. Dementsprechend benötigte er die beste Winterausrüstung, die es gab. So freundlich und zuvorkommend sie ihn beriet, so wenig ging sie auf seine altbewährten Anmachsprüche ein. „Vielen Dank für diese unglaublich tolle Beratung. Das muß belohnt werden. Ich hole sie nach dem Dienst ab und lade sie auf ein köstliches Vorweihnachtsessen ins Daniele ein,“ verkündete er mit seinem besten Sunny Boy Lachen, das er auf Lager hatte. Doch ohne Erfolg: Anika zuckte nicht einmal mit der Wimper, sondern meinte nur trocken – ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen: „dann wünsch ich Ihnen guten Appetit, ich habe bereits meine Pasta zu Hause. Frohe Weihnachten und viel Spaß mit Ihrem Equipment.“ Es war ein Looser-Tag hoch zehn. Abgeblitzt und noch mehr niedergeschlagen klemmte er sich wieder hinters Steuer. Ok, er würde diesen Abend vor der heiligen Nacht in seiner heiligen Stammkneipe verbringen. Vielleicht ging ja was.Und was ging: 4 Flaschen Wodka, viele Euros und… keine Frau.

Am nächsten Morgen lag er anstatt mit einer hübschen Tussi mit einem dreckigen Kater im Bett. Der Schädel brummte und der Magen knurrte. Hunger! Der etwas langsame und wankende Spaziergang zum Kühlschrank dauerte und brachte eine weitere herbe Enttäuschung. Außer einer fast leeren Wodkaflasche, einer verdorrten Karotte (wie die wohl da rein gekommen war?) und einer seit 2 Monaten abgelaufenen Milch war nichts zu finden.

Dann erblickte er die drei Tüten aus dem Sportladen. Moment: hatte er nicht gestern 2 Packungen von den neuen Sportriegeln gekauft? Jawohl – seine Rettung und ein Kaiserfrühstück! Perfekt. Während er versuchte die klebende Masse in seinem Mund zu kauen , begann er mit der Suche nach frisch gewaschener Kleidung. Doch auch da gab’s eine Fehlanzeige. Seine Putzfrau war bereits seit einer Woche im Weihnachtsurlaub und niemand hatte seine frischen Sachen aus der Wäscherei geholt. Ok, dann doch die Sportkleidung. Passend zu so einem quasi Feiertag. Er erwartete weder Besuch, noch hatte er etwas vor.

Als er sich komplett bekleidet im Spiegel betrachtete, kam die Verzweiflung: Um Gottes Willen, was war mit seinem Traumbody passiert? Wo kam

Credit: holidaycheck

den plötzlich dieses runde Ding in der Mitte seines Körpers her? Und sein früher begehrter Allerwertesten war mittlerweile platt wie eine Flunder… Es war doch eine klare Anspielung von seinem Boss gewesen. Ärger kam in ihm hoch. „Na wartet, euch werde ich es zeigen.“ Er zog hastig seine neue Laufjacke über und rannte wutentbrannt los. Erst nach knapp 10 Minuten, als er dachte vor lauter Atemnot und schmerzender Beine in der Sekunde tot um zu fallen, begann er zu überlegen. ‚“Was mache ich eigentlich?“ War er tatsächlich hier, auf einem Seitenweg im Schwarzenbergpark? Laufend? Der gestrige Wodka, als auch die herbe Enttäuschung über das Abtun seiner Arbeitsleistung dürften ihm nicht nur in den Kopf, sondern auch in sämtliche Körperritzen gestiegen sein. In die Verzweiflung und dem Ärger versunken, spürte er plötzlich nur noch einen unglaublichen Schmerz. Er ließ einen Schrei los und als er wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, fand er sich auf dem kalten, gefrorenen Waldboden wieder. Die Schmerzen trieben ihm nun endgültig Tränen aus den Augen. Versuche, wieder auf die Beine zu kommen, scheiterten kläglich.

Und natürlich kein Mensch weit und breit. Noch dazu ging im Westen langsam, aber sicher die Sonne unter. Heilig Abend brach an. Normalerweise nervten ihn die Menschen: wenn sie ihm die Straße mit ihren langsamen Autos versperrten, ihm die Tische in seinen Lieblingsrestaurants wegnahmen, ihn im Supermarkt an den letzten Platz in der Warteschlange verwiesen. Doch gerade jetzt, jetzt wo er ihre Gegenwart am dringendsten brauchte, schienen sie Galaxien weit weg zu sein. Nach fünf Minuten in der Eiseskälte kam in ihm langsam, aber doch Angst und Panik hoch. Die Todespanik wollte er noch nicht ganz zu lassen. Langsam brach die Dämmerung an. Die Kälte kroch in seinen Körper und der Schmerz biss ohne Erbarmen zu.

„Mama, was macht denn der Mann da am Boden?“ War das eine Kinderstimme oder waren es doch schon seine todesnahen Phantasien? Er hob seinen Kopf und konnte schemenhaft tatsächlich ein Kind, eingepackt in einen warmen Anorak, erkennen. Es war wenige Schritte vor ihm stehen geblieben und betrachtete ihn mit großen Augen. Dahinter tauchte aus dem Dunklen eine Frauengestalt auf. „Alles in Ordnung? Kann ich Ihnen helfen?“ fragte die Frau und kniete sich neben ihn hin. Als sie näher an sein Gesicht herankam, stockte einmal mehr sein mittlerweile kaltes Blut in seinen fast schon eingefrorenen Adern. Einen Augenblick später schreckte auch sein weibliches gegenüber zurück. „Nein, das kann aber nicht wirklich wahr sein. Sie? Komm Sofie, wir gehen weiter… diesem Mann geht es gut, er braucht keine Hilfe. Er tut nur so.“ Sie griff hektisch nach dem Kinderarm. „Nein, bitte, warten Sie doch! Ich bin schwer verletzt. Ich werde hier sterben. Ich brauche Ihre Hilfe… bitte, gehen Sie nicht!“ Verzweifelt winselte er, schrie ihr mit gebrochener Stimme nach. Doch sie war bereits auf der Fluch.

War es ein Wunder? Mit einer hurtigen Drehung befreite sich die kleine Sofie aus den Fängen ihrer Mutter und rief: „Mama, der Mann hat wirklich auah… wir können ihn doch nicht einfach so liegen lassen!“ Erschrocken blieb die Frau stehen und versucht krampfhaft nach ihrer Tochter zu greifen. Doch die war bereits wieder bei ihm angelangt und starrte ihn an. „Danke, Sofie“, flüsterte er ihr zu. „Frau Denker, ich weiß, dass Sie nicht wirklich gut auf mich zu sprechen sind, aber ich bin wirklich in Not. Ich bin gestürzt und habe mir meinen Knöchel schwer verletzt. Ich kann nicht auftreten, es tut höllisch weh. Bitte, bitte, helfen Sie mir.“

Karin Denker stand wie angewurzelt nehmen ihm, den Blick ihrer Tochter erwartungsvoll auf sie gerichtet. Dieser Mann, der vor ihr – wie ein kranker Hund winselte, war der Auslöser für ihre Misere gewesen. Er hatte ihrem Vorgesetzten die tolle Idee mit der Marketingkampange eingeredet. Ihm den Mund wässrig geredet. Doch sie hatte von Beginn an gewarnt, dass es in die Hosen gehen würde. Noch dazu drohte ihnen aufgrund der herangezogenen Vergleiche mit den Mitbewerbern eine Wettbewerbsklage. Doch er hatte nicht locker gelassen, über ihren Kopf mit den Firmenhöchsten verhandelt und sie kalt gestellt, ja sogar indirekt angeschwärzt. Nur damit er seinen Umsatz machte. Und wie es das Schicksal wollte, war alles – wie von ihr vorhergesagt – schief gegangen. Der Umsatz sank und als Draufgabe brummte ihnen die Konkurrenz  eine Klage auf. Die Schuld traf natürlich sie, sie war ja die verantwortliche Marketingleiterin gewesen. Die Konsequenz: eine (Straf)Versetzung in die Verkaufsabteilung – als provisionsbeteiligte Außendienstmitarbeiterin. Und wie sollte es anders sein bekam sie die Härtefälle, wo garantiert wenig Umsatz zu machen war, zugeteilt. Und jetzt – gerade am heiligen Abend, wo sie ihrer kleinen, süssen Tochter gerade einmal ein Geschenk bieten konnte und einen kleinen schiefen Christbaum, sollte sie diesem Aas helfen?

„Mama, mach was… rufen wir doch Hilfe an!“ flehte ihre Tochter. Sie atmete tief durch und sah Sofie tief in die Augen. „Okay, aber dann gehen wir. Die Rot Kreuz Männer helfen ihm dann eh weiter… wir haben ja heute noch einiges vor.“ Sie griff in ihre Manteltasche und wählte auf ihrem Handy 144. Er fühlte wieder Hoffnung in sich hochsteigen. Er war gerettet. „Was? Das ist doch nicht Ihr Ernst?“ rief Karin entsetzt! „Was soll ich jetzt tun? Da muss es doch eine Möglichkeit geben…! Verstehe, ja – wiederhören…“ gab sie mit resignierender Stimme von sich. Sie legte auf und schüttelte den Kopf. „Das kann wirklich nicht wahr sein. Die haben kein Personal zur Verfügung. Feiertagsbesetzung.“

„Bitte, bitte, lassen Sie mich nicht alleine hier!“ rief er verzweifelt. Mittlerweile umgab sie die Dunkelheit und in der Ferne sah er die Lichter der Stadt funkeln. „Verdammt…!“ stieß sie heraus. „Jetzt soll ich Ihnen tatsächlich noch helfen… eigentlich sollte ich Sie…“ ihre Stimme verstummte. Im letzten Moment hatte sie den Rest des Satzes nur noch fertig gedacht. Immerhin war Sofie da… und ihr wollte sie ein gutes Vorbild sein. Das hatte sie sich seit der Trennung von Franz geschworen.

Sie zog ihren Mantel aus und legte ihn auf den Boden. „Kommen Sie, ich helfe Ihnen sich drauf zu setzen. Dann ist es nicht so kalt. Ich hole mein Auto direkt zum Wegende… dann muß ich Sie nicht so weit stützen.“ Mit ihrer Hilfe drehte er sich vorsichtig auf den wärmenden Untergrund. Tränen liefen ihm über die Wange… weniger wegen der Schmerzen. Flotten Schrittes gingen die beiden davon und er lag wieder in der stillen Dunkelheit. Was für verrückte Stunden…

Credit: andyclarke

Es dauerte fast eine Ewigkeit, doch sie kamen tatsächlich wieder. Sie, die er vorsätzlich ins Verderben getrieben hatte, war wieder gekommen, um ihm tatsächlich zu helfen. Sie stützte ihn und half ihm zu ihrem Wagen. „Ich bringe Sie gleich ins Krankenhaus.“

Die Diagnose fiel für diesen bescheidenen Tag doch nur halb so schlimm aus: ein leichter Einriss der Seitenbänder, aber kein Gips. Nur eine Stütze legte ihm die Schwester an. „Hier, nehmen Sie noch die Krücken mit. Dann geht es leichter.“ Dank eines hoch dosierten Schmerzmittels spürte er endlich kaum mehr Schmerzen. Als er nach über einer Stunde endlich aus der Ambulanz äußerst tolpatschig hinaus humpelte, konnte er seinen Augen und Ohren nicht trauen: „Schau Mama, da ist er. Er lebt wieder!“ rief Sofie vor Begeisterung und rannte auf ihn zu. Karin folgte ihr. „Sie wollte nicht wegfahren, ehe sie über Ihren Zustand Bescheid weiß.“ War das ein schüchternes Lächeln, das da über ihre Lippen gehuscht war? „Danke, das ist aber sehr nett! Das wäre nicht notwendig gewesen. Ich bin wieder ok, muß nur die Schiene tragen.Vielen Dank nochmals… ich weiß, dass ich das nicht verdient habe.“ Mit einer Handbewegung schien sie das von ihm Gesagte wegwischen zu wollen und packte Sofie wieder an der Hand. „So, jetzt müssen wir aber los, sonst fliegt noch das Christkind bei uns vorbei.“ Sofie sah sie mit leuchtenden Augen an und folgte ihrer Mutter. Er schwang sich auf seine Krücken und schleppte sich vor den Krankhauseingang, um sich ein Taxi zu nehmen. Während der Fahrt blickte er in all die Fenster, hinter denen große und kleine Kinder auf das Christkind warteten.

Nachdem Sofie ihr einziges Paket, in dem eine Barbie Puppe versteckt war, geöffnet hatte, saßen die beiden zusammen gekuschelt auf dem Sofa. Plötzlich klang das schrille Läuten der Türklingel aus dem dunklem Vorzimmer. „Wer ist denn das? Kommt denn nochmals das Christkind?“ Karin und Sofie blickten sich fragend an. Langsam und zugleich mit Vorsicht bedankt, ging Karin zur Eingangstür und spähte vorsichtig durch den Türspion. Kurz zuckte sie zurück, ehe sie ein zweites Mal durchsah. Träumte sie? Vor ihrer Tür stand ein riesiger Christbaum mit brennenden Kerzen. Vorsichtig öffnete sie die Tür und vor ihr erstrahlte ein wunderschöner, symmetrischer Christbaum, geschmückt mit Kerzen und lila Kugeln. Aus dem Blickwinkel kam ein hinkender „Krückenmann“. „Ich weiß, dass ich einiges gut zu machen habe. Vielleicht könnte das ja ein Anfang sein.“

2 comments on “Eine Weihnachtsgeschichte

  1. Die Geschichte könnte jeden Tag überall passieren. Nicht immer aber gehen sie in Richtung „happy end“, weil viele Menschen nicht erkennen wie weit sie sich – in der Hast nach Gier und Geld – vom richtigen Leben bereits entfernt haben. Danke!
    Die besten Wünsche für ein besinnliches und friedvolles Weihnachtsfest – Reinhard

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