Meeting Paula Radcliffe

Als ich zu Beginn der Woche das Kuvert mit der neuen Ausgabe von RUNNING – das Laufmagazin in Händen hielt, fühlte ich mich wie unter dem Weihnachtsbaum. Wie damals, als kleines Kind, riß ich es hastig und ungestüm auf… um so rasch wie nur möglich an den Inhalt zu gelangen.

Ein kurzer Backflash: Zwei Tage vor dem Berlin Marathon 2011. Running Zuschi sitzt in einem ruhigen Eck im Berliner Niketown – ihr gegenüber die amtierende Marathonweltrekordlerin. In der Hand ein Aufnahmegerät, im Kopf Fragen über Fragen. Da sitzt sie nun, das britische Energiebündel, fröhlich und entspannt. Und das gerade einmal 36 Stunden vor ihrem Comeback Marathon nach ihrer 2. Babypause. Im Hinterkopf die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2012 in London und im Nacken die hohen Erwartungen von den Medien, Veranstalter, Sponsoren und wahrscheinlich auch von sich selbst.Gleich ob Profis oder Hobbyläufer – diese Lockerheit vor einem wichtigen Rennen zu haben, ist selten. Sie ist eben ein Profi auf allen Linien…

Credit: Horst von Bohlen

„Machen wir das Interview in Deutsch oder Englisch?“, fragt Paula mit einem leicht französischen Akzent lachend. Diese Frau ist nicht nur verdammt schnell auf den Beinen, sie spricht französisch und deutsch FLIESSEND! By the way: Paula schloss ein Wirtschaftsstudium mit Auszeichnung ab. „Let’s talk in English“… ein breites Lächeln breitet sich über ihre Lippen aus.

Fragen rund um ihre erfolgreiche Läuferinnen Karriere? Nein, diese Stories kennen wir ja schon. Wem sie noch nicht bekannt sind, der sollte zu ihrem Buch „Paula. My story so far“ greifen. Läuferische wie private Highlights inkludiert. Da sind die persönlichen Beweggründe, die Stories hinter den Stories weitaus interessanter… und sie geht darauf ganz offen und ehrlich ein. Sie gibt sogar zu, dass sie sich eine „Ausrede“ parat gelegt hatte, falls sie bei ihrem 1. Marathon die hohe Pace nicht durchgehalten hätte. Aber sie hat… und das bekanntlich mit Bravour.

So offen und „weich“ sie sich im Gespräch gibt, so knallhart ist sie im Rennen und wahrscheinlcih auch im Training zu sich selbst. Ihre Fähigkeit, Schmerzen zu ertragen und sich gleichzeitig noch mehr zu pushen… das können wirklich nur wenige. „Ich kann mich nur deshalb so quälen, weil ich das Laufen liebe,“ ihre simple Antwort darauf. Ja, sie liebt diesen Sport wirklich. Wenn sie über die Leichtigkeit des Laufens spricht, strahlen ihre blauen Augen. Was ihr der Sport gibt, gibt sie auch wieder zurück – gleich, ob an ihren Mentee Mo Farah oder an alle Hobbyläufer.

Credit: HvB

Ein Thema berührt diese Spitzenathletin jedoch ganz besonders und ganz tief: ihre Familie. Ihr Mann Gary steht ihr ständig zur Seite und ihre beiden Kinder Isla und Raphael sind immer mit von der Partie. „Es war immer mein Traum Mutter von einem Mädchen und einem Jungen zu werden,“ gab sie preis. Auch wenn Paula zur High Society des Sports gehört, so ist und bleibt sie trotzdem einfach Mutter – mit allem Drumherum… in guten wie in schlechten Zeiten. Und sie scheint in dieser Rolle richtig auf zu gehen. Dazu ein aktueller Kommentar nach ihrem 10K Rennen am vergangenen Sonntag (11.12.) in ihrer Wahlheimat Monaco „It’s fun to run at home, and to go with family for pancakes afterwards!“ Ein Laufstar und eine Mutter zum Anfassen.

Der erwartete Adrenalinausstoss bleibt in diesem Niketown Separee völlig aus. Die Stimmung ist total relaxed. Ihr gegenüber zu sitzen, ihr zu zuhören, fühlt sich vertraut und stressfrei an. Es wird gelacht und Gott sei Dank  nicht auf die Uhr geschaut.

Eine Aussage auf die Frage nach den starken ostafrikanischen Läuferinnen zeichnet ganz besonders ihr Kämpferherz aus: „Für uns wird die Konkurrenz einfach noch stärker. Was aber nicht heißt, dass wir nicht mehr mit ihnen mithalten werden – im Gegenteil. Wir können genauso schnell laufen. Ostafrikaner mögen den Vorteil haben, in der Höhe leben und trainieren zu können, aber das ist auch uns möglich. Ich glaube auch, dass es eine Kopfsache ist. Wir dürfen keine Angst vor ihnen haben und müssen an den Sieg glauben.“ An den Sieg und an sich glauben, das zeichnet Paula Radcliffe aus. Auch wenn ihre viele geringe Chancen auf einen Olympiasieg 2012 einräumen… man sollte vielleicht doch den 5. August 2012 abwarten.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Fragen gäbe es noch genug, ein offenes Ohr bei Paula auch. Doch Management & Co. geben zu verstehen, dass es Zeit für den Aufbruch ist.

Zurück in die Gegenwart… und doch bleiben die Eindrücke zeitlos: dann, wenn das Training hart wird, die Motivation ein wenig in die Knie geht oder in einem Rennen der Gedanke „es geht nix mehr“ hoch kommt… dann klopft Paula an.

P.S. DANKE Jochen für die großartige Chance zu dieser tollen Begegnung und für dein Vertrauen!

7 comments on “Meeting Paula Radcliffe

  1. Wie es scheint, eine Läuferin „zum Anfassen“!
    Du hast ja – meines Wissens – schon länger Kontakt mit ihr und sie ja auch beim New York Marathon getroffen?! Aber so ein exklusives Interview führen zu können, das ist schon ein besonderes Ereignis – und nachhaltig! Kompliment!

  2. Schöne Eindrücke, die du da schilderst! Das hätte ich wirklich sehr gern miterlebt. Es war auch für mich schon unglaublich einmal vor ihr zu stehen, als sie sich vor dem Marathon warm gelaufen hat! Aber mit ihr persönlich ein Gespräch zu führen – ein Traum!

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